Der CDU-Wirtschaftsflügels will den Rechtsanspruch auf Teilzeit einschränken und löst dadurch eine Welle der Entrüstung aus. Die angeregte Debatte zum Recht auf Teilzeitbeschäftigung steht im starken Kontrast zum aktuellen Arbeitsalltag. In vielen Branchen ist Teilzeit oft eine Reaktion auf Überlastung und wird nicht aus Bequemlichkeit gewählt.
Beschäftigte in Teilzeit stehen oft vor vielen privaten und beruflichen Herausforderungen. Der Wunsch nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie gleichwohl der finanziellen Absicherung sind ausschlaggebend bei der Wahl einer Teilzeitbeschäftigung.
Durch die Debatte wurden Statistiken, Bewertungen und Analysen erstellt, um den Bedarf und die Hintergründe von Teilzeitbeschäftigungen aufzuzeigen.
Rund 30 Prozent der Beschäftigten arbeiten in Teilzeit
Das Statistische Bundesamt stellte Ende Januar das Ergebnis der Analyse zur Teilzeit des Mikrozensus 2024 vor. Demnach arbeiteten im Jahr 2024 in Deutschland 30,6 Prozent aller Erwerbstätigen in Teilzeit. Bei Frauen war die Teilzeitquote mit 49,5 Prozent deutlich höher als bei Männern mit 13,9 Prozent. Von den insgesamt 13,1 Millionen erwerbstätigen Teilzeitbeschäftigten arbeiteten 27,9 Prozent auf eigenen Wunsch in Teilzeit.
Ein wichtiger Grund für die Teilzeittätigkeit ist die Betreuung von Angehörigen. 23,5 Prozent der Teilzeitbeschäftigten arbeiteten in reduziertem Umfang, um Kinder, Menschen mit Beeinträchtigungen oder pflegebedürftige Personen zu betreuen. Ein weiterer Grund für das Arbeiten in Teilzeit ist die eigene Krankheit oder Beeinträchtigung, welches 4,9 % der Teilzeitbeschäftigten mitteilten.
Zum Nachlesen >> Pressemitteilung des Statistischen Bundesamt zur Teilzeit
In der Pflegebranche wollen vier von zehn Pflegekräften unter 30 Stunden arbeiten.
Die Jobplattform Pflegia hat für eine Analyse in der Pflegebranche anonymisierte Daten von 101.482 aktiven Pflegekräften ausgewertet.
Demnach möchten 41,5 Prozent aller Befragten weniger als 30 Stunden pro Woche arbeiten. Besonders ausgeprägt ist dieser Trend bei Frauen mit 43,9 Prozent im Vergleich zu Männern mit 39 Prozent sowie in der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen und über 55-Jährigen mit jeweils 43,5 Prozent. Die Grafik von Pflegia:

Der Pflegia-Geschäftsführer Felix Westphal sagt, „Die aktuelle Teilzeit-Debatte wird an der Pflege vorbeigeführt. Unsere Studie zeigt deutlich, dass viele bewusst weniger als 30 Stunden arbeiten wollen, weil die tägliche körperliche und emotionale Belastung sonst nicht dauerhaft leistbar ist und Vollzeitmodelle oft an ihrer Lebensrealität vorbeigehen. Wer diese Wünsche ignoriert, verschärft den Fachkräftemangel und treibt qualifizierte Pflegekräfte aus dem Beruf.“
Weitere Kritik kommt nicht nur aus der Pflegebranche
Die Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK), Vera Lux warnt, „Wer mehr Arbeitsstunden will, muss zuerst die Arbeitsbedingungen so verbessern, dass Pflege gesund leistbar ist. Teilzeit ist in der Pflege oft die Konsequenz aus Überlastung, Schichtdienst und fehlender Planbarkeit. Druck oder das Stutzen von Rechten löst keinen Fachkräftemangel. Verlässliche Dienstpläne, eingehaltene Pausen und eine wirksame Personalbemessung schon.“
VdK-Präsidentin Verena Bentele kritisierte den Vorstoß scharf, „Die Forderung, Teilzeit nur noch in engen Ausnahmefällen zuzulassen, verkommt zur ungeheuerlichen Unterstellung, Arbeitnehmende seien faul und müssten zur Mehrarbeit gezwungen werden. Statt strukturelle Probleme wie fehlende Kinderbetreuung oder Pflegeinfrastruktur zu lösen, werden Arbeitnehmende unter Generalverdacht gestellt.“
Der Bundesvorsitzende des Deutschen Beamtenbunds dbb, Volker Geyer kritisierte den Vorstoß sehr scharf, „Statt tragfähige Antworten auf Fachkräftemangel und Wirtschaftswachstum zu liefern, schiebt die CDU-Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) die Verantwortung auf die arbeitende Bevölkerung und diskreditiert Teilzeitarbeit. Faktisch wird hierbei auch mehr als ein Drittel der Beschäftigten im öffentlichen Dienst unter Generalverdacht gestellt, überwiegend Frauen. Das ist nicht nur respektlos, sondern auch gefährlich für die Funktionsfähigkeit staatlicher Aufgaben.“
Bisher ist kein Einlenken des CDU-Wirtschaftsflügels zu vernehmen, der Bezug zur Realität scheint unbeachtet zu bleiben. Eine Lösung des Personalmangels wird durch die Wegnahme von Rechten nicht erreicht werden können. Dieses wird die Lage ehr verschärfen und fordert die Gesundheit der Beschäftigten.


