Die Versorgung in der Langzeitpflege ist gefährdet

Die pflegerische Versorgung in der Langzeitpflege ist durch Einschränken und den Wegfall von Leistungen stark gefährdet. Der steigenden Nachfrage von Pflegebedürftigen stehen Personalmangel, Kostensteigerungen und fehlende Refinanzierungen gegenüber. Die zu zahlenden Eigenbeteiligungen an der Versorgung durch die Pflegebedürftigen sind immer häufiger nicht mehr aus eigenen Mitteln finanzierbar.

Viele Einrichtungen mussten und müssen Angebote einstellen

Laut einer Befragung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) mussten rund 20 Prozent der befragten Einrichtungen ihre Angebote und Leistungen komplett einstellen und noch einmal 45 Prozent hätten Kürzungen vornehmen müssen. An der Online-Befragung, zwischen Ende November 2025 und Ende Januar 2026, nahmen 3.596 Einrichtungen und Dienste teil.

Der Anteil der Einrichtungen, die Angebote vollständig aufgeben mussten, stieg im Vergleich zu einer Erhebung Mitte 2024 von 14,7 Prozent auf 20 Prozent. Das heißt, jede fünfte befragte Einrichtung musste mindestens ein Angebot komplett streichen.

Laut dem Branchendienst Pflegemarkt.com ergab die Beobachtung des Pflegemarkts im Januar 2026, dass 97 Schließungen von Pflegeeinrichtungen 93 Neugründungen gegenüberstanden. Auf den ersten Blick eine ausgeglichene Bilanz. Doch gerade bei ambulanten Diensten und Tagespflegen gehen mehr Plätze und Kapazitäten verloren, als neue Möglichkeiten entstehen. Als wesentliche Ursachen für die anhaltende Schließungswelle nennt Pflegemarkt.com steigende gesetzliche Anforderungen, wachsende Kosten und fehlende Nachfolgeregelungen.

Die Lage für die Pflegebedürftigen ist alarmierend

Nach einer Studie der Deutschen Angestellten Krankenasse (DAK) erreicht die Sozialhilfequote in Pflegeheimen einen Rekordwert von 37 Prozent. Derzeit beziehen laut der Studie fast 309.000 Heimbewohner Sozialhilfeleistungen. Ohne Reformen in der Langzeitpflege könnte diese Zahl bis 2035 um 15 Prozent auf 356.000 Betroffene steigen und die Quote sich auf knapp 43 Prozent erhöhen. Ein alarmierendes Ergebnis für die pflegerische Versorgung und die Pflegebedürftigen selbst. Immer mehr Pflegebedürftige stehen vor den Herausforderungen der Finanzierung und können sich ohne staatliche Unterstützung keinen Heimplatz leisten. Insbesondere für Pflegebedürftige, die ihr Leben lang gearbeitet und sich Ersparnisse aufgebaut haben, sind dies herbe Aussichten.

Generell wird die zukünftige pflegerische Versorgung als sehr kritisch betrachtet. Rund 55 Prozent, also mehr als die Hälfte der Bevölkerung, geht davon aus, im Pflegefall nicht ausreichend versorgt zu werden. Das geht aus einer YouGov-Erhebung vom Februar 2026 hervor, die der Sozialverband VdK in Auftrag gegeben hat. Nur 5 Prozent der Befragten halten eine gute Versorgung für „sehr wahrscheinlich“, weitere 25 Prozent für „eher wahrscheinlich“. Demgegenüber stehen 35 Prozent, die ihre Pflege für „eher unwahrscheinlich“ halten, und 20 Prozent, die sie sogar als „sehr unwahrscheinlich“ einstufen.

Bei der Frage, wer für die Pflegeversorgung verantwortlich sein sollte, fällt die Antwort laut der VdK-Umfrage eindeutig aus: 82 Prozent schreiben dem Staat eine große Verantwortung zu, 44 Prozent davon sogar eine „sehr große“. Gleichzeitig sehen 72 Prozent der Befragten auch jede Person selbst in der Pflicht, für den Pflegefall vorzusorgen. Die Familie oder Angehörige nennen 59 Prozent als Mitverantwortliche.

Abhilfe soll geschaffen werden – Leitlinien zum Umbau der Langzeitpflege

Der Deutsche Pflegerat hat ein Positionspapier zur Zukunft der Langzeitpflege vorgelegt, um der starken Gefährdung der pflegerischen Versorgung entgegenzuwirken. Nach Aussage des Pflegerats dulde die Lage keinen Aufschub, das bisherige Vorgehen mit punktuellen Maßnahmen reiche nicht mehr aus. Die Langzeitpflege sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die klare politische Weichenstellungen und verlässliche Investitionen erfordere.

Neun Leitlinien sollen einen Umbau der Langzeitpflege zukunftsfähig voranbringen:

  1. Umbau der Strukturen hin zu professionell fundierten, nachhaltig finanzierten und wohnortnahen Versorgungslösungen: Pflege braucht verlässliche Strukturen. Versorgung muss fachlich und wissenschaftlich fundiert, nachhaltig finanziert und wohnortnah organisiert sein. Maßstab sind Qualität und Verlässlichkeit – orientiert an den tatsächlichen Bedarfen der Menschen. Dazu gehört eine bedarfsgerechte Planung mit klaren Zuständigkeiten und Verantwortung.
  2. Stärkung von Pflegebeziehungen, Selbstwirksamkeit und Lebensqualität durch verbindliche Zeitbudgets und Anerkennung von Beziehungsarbeit: Pflege stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Pflegebeziehungen fördern Selbstständigkeit und Lebensqualität. Gute und bedarfsgerechte Pflege aktiviert vorhandene Fähigkeiten und stärkt Sicherheit im Alltag. Dafür braucht Pflege verlässlich Zeit für Beziehung, Zuwendung und Begleitung, die strukturell vorgesehen, entsprechend finanziert und anerkannt ist.
  3. Vernetzte und sektorenübergreifende Versorgung, die Kontinuität und individuelle Passung ermöglicht: Pflege wirkt dann, wenn sie zusammenhängend gedacht wird. Koordinierte und vernetzte Konzepte sorgen für Übergänge ohne Brüche. Versorgung muss zu den Lebenslagen der Menschen passen – nicht umgekehrt.
  4. Neue Wohn- und Versorgungsformen, die vertraute Lebenswelten, Teilhabe und Selbstbestimmung sichern: Menschen sollen dort leben können, wo sie sich zuhause fühlen. Wohn- und Versorgungsformen müssen soziale Teilhabe und Selbstbestimmung ermöglichen – im vertrauten Umfeld.
  5. Prävention und Gesundheitskompetenz, um Pflegebedürftigkeit zu vermeiden und das System zu entlasten: Pflege beginnt früh. Prävention und Aufklärung helfen, Selbstständigkeit zu erhalten, Pflegebedarfe zu verringern und kritische Versorgungssituationen zu vermeiden. Präventive Angebote müssen frühzeitig, niedrigschwellig und gut erreichbar sein. Das entlastet Betroffene, Familien und das System.
  6. Aufbau sozialer Netzwerke, die Teilhabe, Resilienz und gemeinschaftliche Verantwortung fördern: Pflege ist eine gemeinsame Aufgabe. Starke soziale Netze fördern Teilhabe, Halt und Lebensqualität. Sie entlasten Familien und stärken die Versorgung vor Ort.
  7. Interprofessionelle Zusammenarbeit, die Pflegefachpersonen eine koordinierende Rolle und mehr Entscheidungskompetenz einräumt: Gute Pflege braucht gutes Zusammenspiel. Eine enge Zusammenarbeit der beteiligten Berufe sichert eine abgestimmte Versorgung und vermeidet Informationsverluste. Pflegefachpersonen übernehmen dabei eine koordinierende Rolle und bringen ihre fachliche Entscheidungskompetenz verbindlich ein.
  8. Bildung und Professionalisierung, insbesondere durch Akademisierung und lebenslanges Lernen: Gute Pflege braucht Bildung. Sie reicht von der beruflichen Ausbildung über akademische Qualifikationen bis hin zu lebenslangem Lernen. Pflegefachpersonen müssen gut ausgebildet sein, um sicher und personenzentriert zu versorgen. Wer gut ausgebildet wird, muss seine Kompetenz auch einsetzen können. Bildung ohne Verantwortung ist eine Verschwendung von Ressourcen. Pflegefachpersonen sind ein zentraler Teil der primären Gesundheitsversorgung. Sie können Menschen dort beraten, begleiten und versorgen, wo sie leben. Dafür brauchen sie klare Aufgaben, Verantwortung und Handlungsspielräume.
  9. Sinnvoller Einsatz von Technik und Digitalisierung, der Beziehungszeit stärkt statt ersetzt und gleichzeitig Datenschutz und Qualität wahrt: Technik und Digitalisierung können Pflege unterstützen. Sie müssen sich am Menschen orientieren und Pflege ergänzen, nicht ersetzen. Ziel ist Entlastung – nicht neue Belastung.“

Wie und wann diese Leitlinien umgesetzt werden, ist nicht bekannt. Bekannt ist, dass Beschäftigte und Pflegebedürftige einer immer stärker gefährdeten pflegerischen Versorgung entgegensehen.