Die Schulsozialarbeit am Limit

Viele Schulsozialarbeitende in Deutschland sind überlastet, fühlen sich alleine gelassen und laufen „am Limit“ ihrer Machbarkeit. Es fehlen unterstützende Strukturen und fachliche Begleitung.

Schulsozialarbeitende haben viele verschiedene Aufgaben. Sie führen an der Schule beispielsweise Workshops gegen Gewalt durch oder kümmern sich um Kinder, die im Unterricht auffällig werden. Vor allem aber sind sie für alle Kinder ansprechbar mit allem, was sie bewegt, ob das nun der Streit in der Pause, Schwierigkeiten beim Lernen oder zuhause sind. „Es ist wichtig, dass junge Menschen an der Schule einen Ansprechpartner haben, an den sie sich niedrigschwellig und anlasslos wenden können“, sagt Sebastian Rahn, Nachwuchsprofessor für Sozialisation, Erziehung und Bildung über die Lebensalter, der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (HTW-Saar).

Fast jeder zweite Schulsozialarbeitende denkt an Jobwechsel

Deutschlands Schulsozialarbeitende sind überlastet, 43 Prozent haben in den vergangenen zwölf Monaten darüber nachgedacht ihren Job aufzugeben. Die häufigsten Gründe sind großer emotionaler Stress, der Status als Einzelkämpfende und zu wenig Wertschätzung. Das zeigt eine Studie der HTW-Saar, laut CORRECTIV – Recherchen für die Gesellschaft gGmbH.

An der Befragung nahmen bundesweit 5.070 Schulsozialarbeitende teil. Die Autoren der Studie Sebastian Rahn und Lars Bieringer der HTW-Saar schätzen, dass das knapp 28 Prozent aller Schulsozialarbeitenden in Deutschland sind. Genaue Zahlen, wie viele Menschen bundesweit in der Schulsozialarbeit tätig sind, liegen nicht vor.

Die Studie, die von der Max-Traeger-Stiftung und der Robert Bosch Stiftung gefördert wurde, zeigt, dass es vor allem bei den Rahmenbedingungen für Schulsozialarbeit hapert. Zwar haben bundesweit rund 85 Prozent der Schulsozialarbeitenden einen unbefristeten Arbeitsvertrag, aber nur knapp 60 Prozent fühlen sich von ihrem Träger gut unterstützt. Jeder vierte Schulsozialarbeitende kann keine Supervision in Anspruch nehmen. Ein Problem in einem Arbeitsfeld, in dem die Fachkräfte immer wieder mit Kindeswohlgefährdungen konfrontiert werden.

Die Studie offenbart zudem, dass häufig klare Strukturen für die Schulsozialarbeit fehlen. Nur an rund jeder zweiten Schule gibt es feste Abläufe für die Zusammenarbeit mit Lehrkräften und anderen Berufsgruppen, die an der Schule tätig sind. Und nur 44 Prozent der Schulsozialarbeitenden können auf ein eigenes sozialpädagogisches Konzept für ihre Schule zurückgreifen, dass die Besonderheiten des Standorts berücksichtigt. Solch ein Konzept helfe den Sozialarbeitenden, ihre genauen Ziele und Aufgaben an der Schule festzulegen und gebe Sicherheit im Alltag.

Die Studie zeigt auch Lücken in der Ausbildung. Nur jeder fünfte Sozialarbeitende sagte in der Befragung, sich über Queerness und sexuelle Vielfalt „sehr gut“ informiert zu fühlen.

Forderungen von Gewerkschaft und Fachverbänden

„Schulsozialarbeit ist ein unverzichtbarer Bestandteil einer zeitgemäßen Bildungs- und Jugendpolitik“, sagt Alessandro Novellino, Referent für Schulsozialarbeit im Bundesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), „es bedarf einer angemessenen personellen Ausstattung im Team statt isolierter Einzelstellen“. Schulsozialarbeit stärkt insbesondere benachteiligte Kinder und Jugendliche und trägt damit zur Chancengerechtigkeit bei. Um Fachkräfte langfristig in der Sozialarbeit an Schulen zu halten, brauche es bundesweit verbindliche Qualitätsstandards, Supervision, Fortbildung und fachliche Begleitung.

Zudem fordern, bereits seit 2015, die GEW und die Fachverbände von Schulsozialarbeitenden einen Ausbau der Sozialarbeit. An jeder Schule solle es Sozialarbeit geben und pro 150 Schülern mindestens eine volle unbefristete Stelle. Um die Forderung umzusetzen, dazu wird auch die Bundesregierung in der Pflicht gesehen.

Derzeit ist Deutschland davon jedoch weit entfernt, noch immer haben nicht alle Schulen in Deutschland Sozialarbeitende. Und manche Sozialarbeitenden sind gleich für mehrere Schulen zuständig, bundesweit sind dies knapp 13 Prozent. Und zudem sollen in einigen Bundesländern sogar Stellen gestrichen werden. 

Demnach ist ein Rückschritt, anstatt eine Verbesserung der Situation, zu erwarten. Ein fatales Zeichen für die schulische Entwicklung und Bildung von Kindern und Jugendlichen sowie deren damit beauftragten Beschäftigten. Die Schulsozialarbeit befindet sich daher nicht nur in einer vorübergehenden Notlage, sondern läuft auch zukünftig immer mehr „am Limit“.