„Social-Media“ in der Jugendhilfe

„Social-Media“ oder auch die Sozialen Medien haben in der Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen einen durchgehend hohen Stellenwert und stellen nicht zuletzt in der (stationären) Jugendhilfe eine große Herausforderung dar.

Medienkonzepte sollen helfen, einen Umgang mit der Allverfügbarkeit sogenannter neuer Medien zu finden, beschränken sich oftmals jedoch vornehmlich auf messbaren Größen, wie Alter der Kinder, zulässige Höchstmedienzeit, Kosten und ggf. noch auf die Sicherheitsfragen bezüglich der einrichtungsinternen WLAN-Netze. Nicht zuletzt gilt oftmals in der Jugendhilfe ähnlich wie im Elternhaus: Ein Kind am Handy/Tablet ist ein ruhiges Kind, welches für den Moment weniger Betreuung bzw. Beachtung braucht.

Welchen Einfluss hätte eine Alterseinschränkung bei der Nutzung von „Social-Media“ auf die Jugendhilfe?

Die Nutzerinnen und Nutzer immer jünger und immer mehr

Laut einer Basisuntersuchung des Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest besitzen bereits mehr als 90 Prozent der 12-13jährigen Kinder ein Smartphone oder vergleichbares internetfähiges Endgerät, bei den 17- bis 18- jährigen sind es annähernd 100 Prozent.

95 Prozent der Befragten nutzen das Internet dabei täglich. Bei den zehn beliebtesten Internetangeboten stehen, neben dem Messanger-Dienst WhatsApp, mit Instagram (31%), Tiktok (24%), Youtube (23%), Snapchat (19%) und Facebook (10%) fünf soziale Medien hoch im Kurs.

Eine aktuelle gemeinsame Längsschnittuntersuchung von DAK-Gesundheit und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), „Gaming, Social Media und Streaming“, vom März 2025 zeigt: In Deutschland haben Millionen Kinder und Jugendliche Probleme durch Medienkonsum. Trotz erster positiver Trends bleibt die Mediensucht besorgniserregend hoch. Bei mehr als 25 Prozent aller 10- bis 17-Jährigen gibt es eine riskante oder pathologische Nutzung sozialer Medien: insgesamt sind rund 1,3 Millionen junge Menschen betroffen.

 „Es gibt hier eine sichtbare Verbindung zu psychischen Belastungen wie Depressivität“, sagt Prof. Rainer Thomasius, Studienleiter und Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ). „Wir erleben im klinischen Alltag, dass die digitale Welt zunehmend auch als störend empfunden wird. Gleichzeitig zeigt sich ein fehlender Effekt bei der elterlichen Regulation. Das Handeln der Eltern passt also häufig nicht zum eigentlichen Erziehungsanspruch. Die in der Studie erhobenen Befunde bilden sich in einem klinischen Zusammenhang ebenfalls ab. Ein Drittel der in unserem Institut behandelten Jugendlichen leidet mittlerweile unter einer medienbezogenen Störung. Diese jungen Menschen tendieren dann auch zu anderen psychischen Problemen oder gar stoffgebundenen Süchten.“

Lösungsorientierte Ideen mit Beteiligung der Jugendlichen

Schon vor den ersten öffentlichen Forderungen aus der Politik positionierten sich einige Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Wissenschaftsinstitute in der Diskussion um ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche.

„Kinder unter 13 Jahren sollten gar keinen Zugang dazu haben“, sagt der Psychologe Ralph Hertwig, Direktor des Forschungsbereichs Adaptive Rationalität am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin: „Die Empfehlung ist ganz klar deshalb, weil Kinder unter 13 Jahren, und da ist die Evidenz relativ eindeutig, psychisch und auch sozial von den sozialen Medien und so, wie sie strukturiert und gestaltet sind, einfach überfordert sind. Jugendliche bis 17 Jahre sollten nur altersgerechte Inhalte zu sehen bekommen.“

Eine Idee ist, dass für Jugendliche bis 16 Jahre die Anbieter eine verpflichtende Jugendversion der Plattform vorhalten müssen, auf der es keine (personalisierten) Empfehlungssysteme, algorithmisch gesteuerte Feeds oder vergleichbares geben soll und noch einige andere problematische Features entfernt werden sollen. Darüber hinaus sollen die algorithmischen Empfehlungssysteme standardmäßig deaktiviert sein, möchte die Nutzerin oder der Nutzer diese aktivieren, muss er/sie aktiv zustimmen (Opt-in-Modell).

Obgleich sich der Forderung nach einem Verbot bzw. einer strengeren Regulierung der Nutzung sozialer Medien in seltener Einigkeit parteiübergreifend Politikerinnen und Politiker aus ganz Deutschland angeschlossen haben, gibt es jedoch auch immer noch Gegenstimmen. Dass im Gegensatz zu anderen Suchtmitteln, wie z.B. Alkohol, Nikotin oder Cannabis mit zweierlei Maß gemessen wird kann eigentlich nur mit einer eklatanten Fehleinschätzung des Suchtpotenzials uneingeschränkten Medienkonsums bei Kindern und Jugendlichen erklärt werden.

Eine Kombination aus mehreren, ineinandergreifenden Maßnahmen könnte Aussicht auf eine wirksame Regulierung haben. Auf Bundes- und Europäischer Ebene müssen klare gesetzliche Vorgaben erarbeitet werden, die die Plattformen regulieren, um Kinder und Jugendliche besser vor den negativen Einflüssen von „Social-Media“ zu schützen.

Einen verantwortungsvollen Umgang mit „Social-Media“ schon in der Kita, in den Schulen, zu Hause und in Jugendhilfeeinrichtungen zu verankern, sodass ein reflektiertes, souveränes Verhalten mit den sozialen Medien möglich wird.

Und nicht zuletzt Kampagnen zur Sensibilisierung Erziehungsverantwortlicher (Eltern, Lehrer, Erzieher u.ä.) den Medienkonsum ihrer Schützlinge, aber in ihrer Vorbildfunktion auch den eigenen, kritisch zu hinterfragen und in Richtung einer sinnvollen, bereichernden Nutzung der nahezu unbegrenzten, fantastischen Möglichkeiten, die das Netz bietet, weiterzuentwickeln.

Vor allem aber müssen die Kinder und Jugendlichen selbst bei der Erstellung und Umsetzung solcher Konzepte mit einbezogen werden. Partizipation darf hier nicht, wie so oft, ein wohlklingendes Schlagwort sein, sondern muss gelebt werden, um so eine bestmögliche Akzeptanz zu schaffen. Denn entgegen häufigen Vorurteilen sehen viele Nutzerinnen und Nutzer unter 18 Jahren ihren eigenen Medienkonsum und den gleichaltriger eher kritisch.

Aus Sicht der Jugendlichen

Laut des Instituts für Wissenschaftsforschung (IFO) spricht sich unter den Jugendlichen eine relative Mehrheit von 47 Prozent für ein Mindestalter von 16 Jahren für einen eigenen Social-Media-Account aus, 42 Prozent sind dagegen. Sie nehmen deutliche negative Auswirkungen der Social-Media-Nutzung auf Kinder und Jugendliche wahr. 61 Prozent der Jugendlichen glauben an einen schlechten Einfluss auf die psychische Gesundheit, bei der körperlichen Gesundheit sind es sogar 66 Prozent. Auch die Aufmerksamkeit und die schulischen Leistungen leiden nach Ansicht der Befragten. Einzig bei der Informationsbeschaffung glauben die Befragten mehrheitlich mit 71 Prozent an eine positive Auswirkung.

Eine altersabhängig gestaffelte „Social-Media“-Altersgrenze könnte für alle an der Erziehung der Kinder und Jugendlichen beteiligten Systeme eine enorme Entlastung darstellen und als fundierte Basis für neue oder überarbeitete Konzepte zur Nutzung sozialer Medien dienen. Ähnlich wie im Umgang mit anderen suchterzeugenden Produkten würde ein verbindlicher, vergleichbarer Rahmen den Kindern und Jugendlichen ein gewisses Maß an Klarheit und Verlässlichkeit bieten. Auch wenn analog zu den bestehenden Regeln im Umgang z.B. mit Nikotin und Alkohol jederzeit bewusst sein muss, dass diese Regeln vergleichsweise leicht ausgehebelt werden können. An dieser Stelle greift dann im Idealfall die durch Stärkung der (Medien-) Kompetenz erarbeitete Eigenverantwortung der Kinder und Jugendlichen bei der Abschätzung der möglichen Gefahren, die durch eine unregulierte und unkontrollierte Medien-Nutzung entstehen können.