Zwischen Fürsorge und Gefahr: Gewalt im Arbeitsalltag sozialer Berufe

Gewalt in sozialen Berufen ist ein zunehmend sichtbares Problem, das sowohl Arbeitnehmer:innen als auch Trägerorganisationen vor große Herausforderungen stellt. In Arbeitsfeldern wie Pflege, Eingliederungshilfe, Jugendhilfe, Krankenhaus oder Sozialarbeit kommt es immer wieder zu Situationen, in denen Beschäftigte verbaler, psychischer oder körperlicher Gewalt ausgesetzt sind. Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) liefert hierzu unter anderem in einer Broschüre wichtige Erkenntnisse und praxisnahe Handlungsempfehlungen.

Formen und Ursachen von Gewalt

Die BGW unterscheidet verschiedene Gewaltformen:

  • Verbale Gewalt (Beleidigungen, Drohungen)
  • Psychische Gewalt (Einschüchterung, Manipulation)
  • Körperliche Gewalt (Schläge, Tritte, Übergriffe)

Ursachen liegen häufig in Überforderungssituationen bei Klient:innen, kognitiven Einschränkungen, psychischen Erkrankungen oder Konflikten im institutionellen Kontext. Auch strukturelle Faktoren wie Personalmangel, Zeitdruck und unzureichende räumliche Bedingungen erhöhen das Risiko.

Folgen für Beschäftigte und Einrichtungen

Gewalterfahrungen wirken sich erheblich auf die Gesundheit der Arbeitnehmer:innen aus. Neben körperlichen Verletzungen treten häufig psychische Belastungen wie Angst, Stress oder Burnout auf. Langfristig kann dies zu erhöhten Fehlzeiten und Personalfluktuation führen. Für Einrichtungen bedeutet das nicht nur organisatorische Probleme, sondern auch Qualitätsverluste in der Betreuung.

Prävention und Handlungsempfehlungen (nach BGW)

Die BGW betont, dass Gewaltprävention eine Führungsaufgabe ist und systematisch angegangen werden muss. Zentrale Maßnahmen sind:

  • Gefährdungsbeurteilungen, die Gewalt explizit berücksichtigen
  • Schulungen und Deeskalationstrainings für Mitarbeitende
  • Klare Melde- und Dokumentationssysteme
  • Unterstützungsangebote nach Vorfällen (z. B. Supervision)
  • Gestaltung sicherer Arbeitsumgebungen

Ein offener Umgang mit dem Thema ist entscheidend, um eine Kultur der Prävention zu etablieren. Die BGW bietet einen möglichen Fragebogen zur Erfassung der Gewaltsituationen an.

Rolle der Mitarbeitendenvertretung nach MVG-EKD

Die Mitarbeitendenvertretung (MAV) spielt eine zentrale Rolle bei der Bekämpfung von Gewalt am Arbeitsplatz. Ihre Aufgaben ergeben sich aus dem Mitarbeitervertretungsgesetz der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Wichtige Mitwirkungs- und Mitbestimmungsrechte der MAV im Kontext von Gewaltprävention sind:

  • Mitbestimmung bei Maßnahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes
  • Mitbestimmung bei der Auswahl der Methoden zur Gefährdungsbeurteilungen
  • Vertragspartner bei dem Abschluss von Dienstvereinbarungen (z. B. zum Umgang mit Gewaltvorfällen)
  • Ansprechpartner:in für betroffene Arbeitnehmer:in
  • Initiativrecht, um Verbesserungen einzufordern

Die MAV kann somit aktiv dazu beitragen, dass Schutzkonzepte entwickelt, umgesetzt und kontinuierlich verbessert werden.

Fazit

Gewalt in sozialen Berufen ist kein individuelles Problem einzelner Arbeitnehmer:innen, sondern eine strukturelle Herausforderung. Die Empfehlungen der BGW zeigen, dass Prävention möglich ist, wenn sie systematisch angegangen wird. Gleichzeitig kommt der Mitarbeitendenvertretung nach dem MVG-EKD eine entscheidende Rolle zu, um die Interessen der Arbeitnehmer:innen zu schützen und sichere Arbeitsbedingungen zu fördern. Nur durch das Zusammenspiel von Trägern, Führungskräften und MAV kann ein wirksamer Schutz vor Gewalt erreicht werden.

Prävention von Gewalt und Aggression gegen Beschäftigte

Podcast #08: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

Podcast #02 Umgang mit Aggression und Gewalt gegen Pflegekräfte

Fragebogen zur Erfassung von aggressivem Verhalten (Beispieldokument zum individuellen Anpassen)